Archive for November, 2011

Was haben die Menschen nur vor der Smartphone-Ära gemacht? Nachts in der U-Bahn-Station Stephansplatz. Zwei Drittel der Wartenden schreiben SMS, surfen im Netz oder beschäftigen sich sonstwie mit ihren Smartphones. Vom verbliebenen Drittel hört ein Weiteres Musik.
Kein Wunder, dass so wenig gedacht wird. Es fehlt schlicht die Zeit das Tagesgeschehen oder Grundlegendes zu reflektieren. Wegen exzessiver Pseudo-Aktivität!

Auch im Waggon während der Fahrt lässt sich Interessantes beobachten. Ein englisch sprechender Ausländer meint “I´ve no accu left on my mobile”. Eigenartig, wem erzählt er das ohne Akku – und er spricht weiter bis er aussteigt.

Die Frau mir gegenüber ist offensichtlich eine Intellektuelle. Sie trägt eine strenge Brille mit ovalem Drahtgestell und liest den Standard. Hin und wieder hebt sie ihren Blick. Dann sieht sie missbilligend andere U-Bahn-Passagiere an, die sich zu laut unterhalten oder gar lachen. Ihre Mundwinkel sind so weit nach unten gezogen, dass sie die Strenge des Brillengestells in den Schatten stellen. Hat sie schon jemals gelächelt? Sie hat! Eine Zeile entlockt ihr ein Lächeln. Ich sehe zum ersten Mal ein Lächeln, bei dem die Mundwinkel immer noch nach unten gezogen sind.

Ein südländisch anmutender Mann mit Mohammed-Bart steht an einer der Türen. Er trägt eine schwarze Jacke mit Schulterplolstern und militärisch anmutenden Schulteraufsätzen. Mein Blick wandert weiter nach unten. Seiner grauen Jogging-Hose, deren Hintern beinahe bis zu den Kniekehlen herunterreicht entlang bis zu den zackigen Militärstiefeln. Trotzdem irgendwie stimmig.

Hinter mir sitzt ein Koreaner. Er scheint mit seinem Handy verwachsen zu sein. Würde die Fahrt länger dauern, hätte ich eine Chance, diese fremde asiatische Sprache einfach so zu erlernen.

Hingegen unterhalten sich die beiden Tirolerinnen in einer kaum zu verstehenden Sprache darüber, dass der Punsch in der Hauptstadt kaum zu spüren ist. Ganz im Gegenteil zu dem im heiligen Land. Reines Zuckerwasser trinken die Wiener. So süß und doch nicht die Stimmung aufhellend.

Kendlerstrasse. Ich glaube, der Zwei-Meter-Mann mit der körperbetonten Fliegerjacke geht jetzt noch ins Fitness-Center ein paar Tonnen stemmen. Unmittelbar hinter ihm steigt ein Mann mittleren Alters aus. Er trägt die rote Uniform der “Saubermacher”. Sein Bauchumfang entspricht dem des Schultergürtels des Bodybuilders.

Nein, der junge Mann an der Stange in der Mitte des Waggons kommt nicht vom Mars. Sehr angenehm sind seine überdimensionierten Kopfhörer. Ich kann nicht hören, was er hört. Ganz im Gegensatz zu dem Lärm, den eine deutlich weiter weg stehende junge Dame mit ihrem “In-Ear-Modell” verursacht.
Endstation Ottakring. Schade, das Beobachten war sehr kurzweilig. Im Gegensatz zu den 25 Minuten, die ich nun auf meinen Bus warte 😉